Selbstbedienung am biblischen Buffet
Verfolgt man die öffentlichen Verkündigungen von Berufschristen, fällt eines sofort auf: Bei der Auswahl ihrer Bibelstellen sind sie außerordentlich wählerisch. Zitiert werden Geschichten, Sätze und oft genug nur Halbsätze – ausgewählt so, dass Zuhörerinnen und Zuhörer ein durchweg mildes, mindestens aber unverfängliches Bild vom Inhalt des Buches bekommen.
Das ist bequem möglich, weil sich zu praktisch jeder Bibelstelle eine zweite findet, mit der sich das genaue Gegenteil ebenso gut biblisch begründen lässt. Gott ist die Liebe (1. Johannes 4,8) – und derselbe Gott befiehlt, Säuglinge zu töten (1. Samuel 15,3). Beides steht da. Welche Stelle im Gottesdienst vorkommt, ist keine Frage der Heiligen Schrift, sondern eine Frage der Auswahl.
Auf den Punkt gebracht lautet die Gesamtaussage der christlichen Botschaft:
Wer da gläubig geworden ist und sich hat taufen lassen, wird gerettet werden; wer aber ungläubig geblieben ist, wird verurteilt werden.
Markus 16,16 (Menge-Bibel)
Rosinenpicken
Für die unzähligen Textstellen, die aus heutiger Sicht unmenschlich, brutal, ungerecht oder schlicht falsch sind, haben Berufschristen verschiedene Bewältigungsstrategien entwickelt. Am häufigsten anzutreffen ist das Rosinenpicken (englisch: cherry-picking): die völlig einseitige Auswahl unverfänglicher Textfragmente.
Den Anstoß für dieses Projekt gab eine 2019 gestartete Meme-Serie von katholisch.de auf Facebook – ein Musterbeispiel der Disziplin. Losgelöst vom Kapitel, in dem sie stehen, ließen sich in die ausgewählten Fragmente sogar Aussagen hineinlesen, die modernen ethischen Standards entsprechen. Übrig bleiben die zahllosen Stellen, für die zumindest die Mainstream-Christen heute #bibelblind sind.
#bibelblind – na und?
Man könnte achselzuckend darüber hinweggehen. Wenn Gläubige sich aus ihrer Bibel das Freundliche heraussuchen und den Rest ignorieren, ist das praktisch für alle Beteiligten. Nur: Sie ignorieren ihn nicht wirklich. Sie halten daran fest, dass das ganze Buch „Wort Gottes“ sei – von übergeordneter Bedeutung und ewiger Gültigkeit.
Damit halten sie eine textliche Grundlage künstlich am Leben, mit der sich Angriffskriege, Vernichtungsfeldzüge, Todesstrafe, die Verfolgung Homosexueller und der Ausschluss behinderter Menschen schlüssig „biblisch begründen“ lassen – und zwar mit erheblich weniger Auslegungsaufwand als das Gegenteil. Wer das Buch als göttlich autorisiert erklärt, autorisiert es vollständig – auch die Teile, die er selbst nie zitieren würde. Und irgendwer zitiert sie dann doch.
Bibelblind.de möchte einen Beitrag zur Aufklärung leisten. Indem wir genau die Stellen zeigen, für die die meisten Christen blind sind, möchten wir dafür sensibilisieren, was ihr Gott ihnen da angeblich alles geoffenbart hat.
Christen, lest’s eure Bibel!
Andreas Edmüller
Die unvoreingenommene Beschäftigung mit der biblischen Mythologie dürfte – neben dem Theologiestudium – eine der wirksamsten Methoden sein, um sich von absurdem Götterglauben zu befreien.
Aber die Nächstenliebe steht doch auch drin!
Kein Satz wird häufiger als humanistischer Kern der Bibel angeführt. Nur sagt derselbe Vers, der ihn enthält, auch gleich dazu, wer mit dem „Nächsten“ gemeint ist:
Du sollst den Angehörigen deines Volkes gegenüber nicht rachgierig sein und ihnen nichts nachtragen, sondern sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst: ich bin der HERR!
3. Mose 19,18 (Menge-Bibel)
Der Nächste ist der Angehörige des eigenen Volkes. Das Gebot regelt den Umgang innerhalb der Gruppe – es ist eine Stammesregel, kein Menschenrecht. Wenige Verse später wird der Kreis immerhin auf den Fremdling ausgeweitet, der dauerhaft unter ihnen lebt (3. Mose 19,34). Für alle übrigen Völker gilt in denselben fünf Büchern das genaue Gegenteil: „Du sollst aber alle Völker vernichten, die der HERR, dein Gott, in deine Gewalt gibt: dein Auge soll sie nicht mitleidig ansehen …“ Beides steht nebeneinander, ohne dass der Text einen Widerspruch bemerken würde.
Dagegen wird gerne das Gleichnis vom barmherzigen Samariter angeführt. Das ist der beste
verfügbare Einwand – nur schickt derselbe Jesus seine Jünger mit der Weisung los:
Den Weg zu den Heidenvölkern schlagt nicht ein und tretet auch in keine Samariterstadt
ein
(Matthäus 10,5). Er erklärt, er sei nicht gekommen, um Frieden zu bringen,
sondern das Schwert, und teilt die Menschheit in zwei
Lager: „Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich.“
Eine allgemeine, allen Menschen geltende Nächstenliebe steht also nicht in der Bibel – sie wird in sie hineingelesen. Das ist begrüßenswert, aber es ist eine Leistung des modernen Lesers, nicht des Textes. Wer sie dem Buch zuschreibt, betreibt genau das Rosinenpicken, um das es hier geht.
Das muss man doch im Kontext sehen!
Der mit Abstand häufigste Einwand. Man dürfe die Stellen nicht aus dem Zusammenhang reißen, und ohnehin müsse man sie im zeitlichen Kontext betrachten.
Zum ersten Teil: Wir reißen nichts heraus. Jedes Meme nennt Buch, Kapitel und Vers. Der Zusammenhang ist in jeder Bibel nachzulesen, und mit dem Bibel-Zitator geht es in zwei Klicks. Wir laden ausdrücklich dazu ein – in aller Regel wird die Stelle durch ihr Kapitel nämlich nicht harmloser, sondern schlimmer.
Zum zweiten Teil: Interessanterweise fällt Gläubigen die angebliche Unredlichkeit fast nur dann auf, wenn es um Textfragmente geht, die ihnen unangenehm sind. Bei Stellen, die der eigenen Wunschvorstellung entsprechen, gilt die Regel plötzlich nicht mehr – obwohl auch diese praktisch immer aus dem Kontext gerissen werden müssen, um überhaupt unverfänglich zu wirken. Ein Maßstab, der nur in eine Richtung angelegt wird, ist kein Maßstab.
Und der Verweis auf „damalige Verhältnisse“ hat einen Preis: Wer einräumt, dass diese Sätze bloß die Moral ihrer Zeit spiegeln, hat damit eingeräumt, dass sie von Menschen stammen. Dann sind sie aber kein Wort Gottes mehr.
Zum Thema
Das Kontext-Argument in seiner reinsten Form hat das Video
„Context!!!!!!“ von DarkMatter2525 aufgespießt. Wir binden es nicht ein, weil
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Zu finden ist es auf YouTube unter der Kennung
PK7P7uZFf5o.
Wie die Meme entstehen
Der Bibeltext stammt, sofern am Meme nicht anders angegeben, aus der Menge-Bibel. Hermann Menges Übersetzung gilt als philologisch besonders sorgfältig und ist gemeinfrei – sie darf deshalb vollständig wiedergegeben werden, ohne dass ein Bibelverlag über den Umfang des Zitats mitbestimmt. Gekürzt wird nur dort, wo eine Auslassung durch Zeichensetzung erkennbar ist; Wortlaut und Rechtschreibung bleiben unverändert, einschließlich der alten Formen wie „laßt“ oder „Weiber“.
Die Hintergrundbilder stammen vom Bilderportal Pixabay. Auf bibelblind.de steht jeder Vers zusätzlich als normaler Text unter dem Bild – damit er sich kopieren, vorlesen, durchsuchen und von Screenreadern erfassen lässt.
Warnhinweis
Die Bibel enthält Texte, die zumindest außerhalb des religiösen Rahmens als verstörend, jugendgefährdend, gewaltverherrlichend, rassistisch, diskriminierend oder frauenfeindlich gelten. Wir distanzieren uns ausdrücklich von sämtlichen biblischen Aussagen.
Bibelblind ist ein privates, nicht-kommerzielles Kunstprojekt.
Alle #bibelblind-Meme dürfen und sollen gerne mit dem Hashtag #bibelblind und gerne mit einem Link auf bibelblind.de weitergegeben und geteilt werden.